Handelsblatt: Industrie fordert "Sprinter-Prämie" für Sanierungen
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Handelsblatt: Industrie fordert "Sprinter-Prämie" für Sanierungen

Handelsblatt.com vom 27.04.2022

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) warnt die Ampelregierung davor, die Sanierung von Gebäuden zu verschleppen. "Die Politik muss endlich die Weichen für die längst überfällige Sanierungswelle in Deutschland stellen", sagte Holger Lösch, stellvertretender BDI-Hauptgeschäftsführer, dem Handelsblatt. Die Bundesregierung habe den Gebäudebereich im Osterpaket "sträflich vernachlässigt". Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte kurz vor Ostern ein umfangreiches Gesetzespaket vorgestellt, um den Ausbau der erneuerbaren Energien voranzutreiben. Maßnahmen, die für mehr Energieeffizienz in Gebäuden sorgen sollen, wurden für den Jahresverlauf angekündigt. "Für das Erreichen der Klimaziele und für eine stabile Energieversorgungssicherheit spielen Gebäude eine zentrale Rolle", sagte Lösch. "Gebäude machen rund 30 Prozent der deutschen CO2-Emissionen und 30 Prozent des Verbrauchs russischer Gasimporte aus."

Dennoch ist die Sanierungsrate seit Jahren zu gering und der CO2-Ausstoß zu hoch. Erst im März stellte das Umweltbundesamt fest, dass der Gebäudesektor 2021 ein weiteres Jahr mehr Treibhausgase freigesetzt hat, als es das Bundes-Klimaschutzgesetz vorschreibt. Der Expertenrat für Klimafragen hat die Zahlen inzwischen bestätigt. Bis Mitte Juli muss das Bauministerium nun ein Sofortprogramm vorlegen.

Der BDI skizziert anhand eines noch unveröffentlichten Zwölf-Punkte-Plans zentrale Maßnahmen, wie die Gebäudesanierung angesichts der dringend geforderten Unabhängigkeit von russischer Energie vorangetrieben werden könnte. Der Plan liegt dem Handelsblatt vor.

Anreize für Sanierungen

Für umfassendere und schnellere energetische Gebäudesanierungen brauche es gezielte Anreize, so der BDI. Dem Verband schwebt eine nicht näher bezifferte "Sprinter-Prämie" vor, mit der die Politik die Sanierung von Gebäuden auf einen klimaneutralen Stand bis 2030 unterstützen kann. Ab 2030 sollten die Fördersätze um jeweils einen Prozentpunkt jährlich sinken. Das würde einen Impuls für baldige Sanierungen geben.

Grundsätzlich strebt die Politik einen klimaneutralen Gebäudebestand bis 2045 an. Der BDI fordert deswegen bis spätestens 2028 für jedes Gebäude einen individuellen Sanierungsplan, der Gebäudeeigentümern mögliche Pfade zu Klimaneutralität 2045 zeigt. Ab 2029 sollten Einzelmaßnahmen dann nur noch gefördert werden, wenn sie in einem Plan enthalten seien, der den Weg zur "2045er-Reife" weist, so der BDI. Höhere Fördersätze schlägt der BDI für besonders aufwendige Maßnahmen an der Gebäudehülle vor. Die Bundesregierung müsse Bürgerinnen, Bürgern und Unternehmen "zügig Klarheit und Planungssicherheit über die staatlichen Förderangebote" geben, fordert Lösch. Alle Förderprogramme sollten grundsätzlich mindestens zehn Jahre laufen. Gebäudebesitzer bräuchten Zeit, ihre Häuser schrittweise auf klimaneutralen Stand zu sanieren. Auch die Wirtschaft müsse die benötigten Produktions- und Handwerkerkapazitäten aufbauen können.

Anforderungen an Sanierungen

Der BDI plädiert dafür, bei Sanierungen von Bestandsgebäuden den Effizienzhaus-70-Standard für auszutauschende Teile vorzuschreiben, da damit die Voraussetzungen zum Erreichen von Klimaneutralität 2045 geschaffen würden. Eine Pflicht zur Sanierung lehnt der Verband grundsätzlich ab. Wenn überhaupt, sollte eine Pflicht nur bei Gebäuden in den unteren Effizienzklassen greifen, aber mit ausreichender Vorlaufzeit und Förderangeboten konzipiert werden.

Auch eine Solardachpflicht sieht der BDI skeptisch. Hausdächer seien eine elementar wichtige Quelle für die Nutzung von Sonnenenergie. Und ein bedeutender Hebel, um den bei Gebäuden und auch insgesamt steigenden Bedarf für erneuerbaren Strom in der Zukunft besser decken zu können, heißt es in dem neunseitigen Papier. Bei Einführung von Verpflichtungen sei aber Augenmaß erforderlich, um Gebäudeeigentümer nicht zu überfordern.

Heizungstausch

Ab 2024 müssen neu eingebaute Heizungen mit 65 Prozent erneuerbarer Energien betrieben werden. Der BDI hält das für "höchst ambitioniert", schlägt aber dennoch analog zur Förderung bei Sanierungen eine "Sprinter-Prämie" für diejenigen vor, die ihre Heizung so modernisieren, dass sie bereits ab 2023 mit 65 Prozent erneuerbaren Energien betrieben werden kann.

Für die breite Masse bislang unsanierter Bestandsgebäude mit alten Öl- oder Gasheizungen wird es kaum so schnell gehen können, zumal modernere Heizungen oft nur in Kombination mit einer Sanierung der Gebäudehülle kosteneffizient betrieben werden können. Entsprechend müssen Heizungstausch und energetische Modernisierung der Gebäudehülle zusammen betrachtet und planvoll angegangen werden", so der BDI.

Für unabdingbar hält der Verband auch eine verbindliche kommunale Wärmeplanung, da Wärme- oder auch Fernwärmenetze vor allem in urbanen Gebieten eine Alternative etwa zu Wärmepumpen darstellen, die vielfach in Ein- und Zweifamilienhäusern zum Einsatz kommen. Noch werden Fernwärmenetze häufig aber mit fossilen Energien betrieben.

"Gebäudeeigentümer und Quartiersbetreiber benötigen Klarheit, welche Optionen für CO2-neutrale Wärmeversorgung perspektivisch verfügbar sind", heißt es. Deswegen sollten bis 2028 für urbane Gebiete kommunale Wärmeplanungen verbindlich festgelegt und in Netzentwicklungspläne überführt werden.

Kersting, Silke

Handelsblatt.com vom 27.04.2022

Abdruck mit freundlicher Genehmigung vom Handelsblatt

Rubrik: Politik Deutschland

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